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50 Meter Stadtbahn am Stück: Frankfurts langer „U5“

Am 7. und 14. Dezember 2011 wurden die ersten beiden Halbzüge in der Stadtbahn-Zentralwerkstatt (StZW) der VGF angeliefert. Es handelt sich dabei um Fahrzeuge des Typs „Flexity Swift“ vom kanadischen Hersteller Bombardier Transportation (BT), die in Frankfurt die Bezeichnung „U5-50“ erhalten und am Standort Bautzen produziert werden.

Eigentlich unterscheiden sich die Fahrzeuge äußerlich kaum von den Fahrzeugen, die seit 2008 als Baureihe „U5-25“ geliefert wurden. Und doch ist an den jetzt gelieferten Fahrzeugen etwas anders.

Der Unterschied liegt im Detail

Im Gegensatz zu den bisher gelieferten Zweirichtungsfahrzeugen vom Typ „U5-25“ besteht eine „U5-50“-Einheit aus zwei sogenannten Eineinhalbrichtungsfahrzeugen. Sie besitzen an einem Fahrzeugende eine Fahrerkabine und am anderen Fahrzeugende ein Übergangsmodul sowie auf beiden Seiten vier Türen für den Fahrgastwechsel. Im Fahrgasteinsatz bilden sie einen durchgehend begehbaren Stadtbahnzug.

Neu sind solche Fahrzeuge allerdings nicht. Schon Ende der 1980er Jahre nahmen die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) 60 Eineinhalbrichtungsfahrzeuge des Stadtbahntyps B80D, geliefert von Düwag und Waggon Union, in Betrieb. Im Gegensatz zum „U5-50“ sind diese allerdings nicht durchgehend begehbar. Dem Konzept des „U5-50“ dürften daher eher die Ende der 1990er Jahre bei Alstom LHB gefertigten und an die üstra in Hannover gelieferten Fahrzeuge vom Typ „TW2000“ Pate gestanden haben. Auch sie wurden damals in zwei Versionen als Zweirichtungsfahrzeug, bezeichnet als „TW2000“, und als Eineinhalbrichtungsfahrzeug, bezeichnet als „TW2500“, geliefert. Auch hier gibt es am führerstandslosen Fahrzeugende ein Übergangsmodul.

Getrennt werden die langen „U5“ nur im Betriebshof, zum Beispiel für die Waschanlage oder nach Unfällen. Sie müssen daher auch getrennt fahrbar sein, weshalb sich in der Seitenwand des Übergangsmoduls ein ausklappbarer Hilfsführerstand sowie abschließbare Glastüren, die im Fahrgastbetrieb offen sind, verbergen. Je nach Routine dauert so ein Trennungsvorgang zwischen fünf und zehn Minuten und wird ausschließlich von der Werkstattmitarbeitern durchgeführt.

Qualitäts-Standard wie beim kurzen

Der „U5-50“ verfügt über den gleichen Qualitäts-Standard, wie der seit vier Jahren im Einsatz befindliche kurze „U5“. Die Bahnen sind klimatisiert sowie mit Videoüberwachung und einem modernen Fahrgastinformationssystem ausgestattet. Gelbe Haltestangen mit geriffelten Flächen und orangefarbene Wandverkleidungen markieren die Ausstiegsbereiche.

Eine Detailänderung gibt es dennoch im „U5-50“: die Sitzplatzanzahl hat sich je Halbzug gegenüber dem „U5-25“ mit 48 Sitzplätzen um einen reduziert. Grund dafür ist eine veränderte Sitzanordnung wegen des Hilfsführerstands am Übergang. Für mehr als 272 Personen bietet der „U5-50“ stehenden Fahrgästen Platz, auch wenn der Übergang nicht unbedingt eine einladende Komfortzone zum Verweilen sein soll. Vier großzügige Mehrzweckbereiche bieten Platz für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder.

Fast ein Jahr dauert die Fertigung

Mit der Produktion des ersten Fahrzeugs hatte BT Anfang 2011 begonnen. Vom ersten unscheinbaren Rohbau bis zur komplett ausgestatteten und im Grunde einsatzbereiten Bahn dauert es zwischen neun und zwölf Monate. Nach ersten Tests auf einem Rundkurs am Produktionsstand Bautzen werden die Einheiten getrennt und auf zwei Sattelschlepper verladen an die VGF geliefert. In der StZW werden die Fahrzeuge weiteren Tests unterzogen, bevor sie für den Fahrgasteinsatz freigegeben werden. Im Fall des ersten Fahrzeugs erfolgte die Lieferung im Dezember und der erste Fahrgasteinsatz am 18. Februar auf der Stadtbahnlinie U8.

Umbau in der Werkstatt

So ein 50-Meter-Zug stellt auch die 1974 in Rödelheim eröffnete StZW vor neue Herausforderungen. Die Schiebebühne in der Hallenmitte, mit der die Bahnen auf verschiedene Gleise geschoben werden können, ist nur für 30-Meter-Fahrzeuge ausgelegt. Um die 50-Meter-Einheiten nicht bei allen Wartungsarbeiten trennen zu müssen, erweitert die VGF zurzeit für rund 1,77 Millionen Euro die Fahrzeughalle für längere Gleise. Zum einen werden die Reparaturgleise 32 und 33 in einem südlichen Anbau um sieben Meter verlängert, zum anderen wird an der Ostseite im Anschluss an die bestehende Halle mit der Unterflurdrehmaschine das Wartungsgleis 25 auf 50 Meter mit durchlaufender Grube und durchgehender Krananlage erweitert. Verbunden mit diesen Verlängerungen sind Arbeiten an Haustechnik, Heizung und Fahrleitungen, die zum Herbst abgeschlossen sein sollen.

Investition in die Zukunft mit einem modernen und flexiblen Stadtbahn-Fuhrpark

Insgesamt investiert die VGF rund 320 Millionen Euro und somit in einen der modernsten Fuhrparks Deutschlands. Seit 2008 hat die VGF 54 Fahrzeuge des Typs „U5-25“ erhalten. Derzeit liefert BT die ersten „U5-50“-Einheiten, die bis zur Wagen-Nummer 812 ausliefert sind und bis zur Wagen-Nummer 810 im Liniendienst eingesetzt werden. Insgesamt erhält die VGF zunächst 92 Halbzüge - also 46 Einheiten. Im Dezember hatte der Aufsichtsrat der VGF der Beschaffung weiterer „U5“-Wagen zugestimmt. Bis 2017 folgen weitere 40 „U5-25“ und 38 Halbzüge, die 19 „U5-50“-Einheiten bilden. Zum einen wird damit den anstehenden Netzerweiterungen ins Europaviertel und zum S-Bahnhof Frankfurter Berg (beides U5) Rechnung getragen und zum anderen kommen die auf der U4 eingesetzten „U3“-Wagen ebenfalls „in die Jahre“ und sollen ersetzt werden.

Kein leichtes Unterfangen ist dagegen Kuppelbarkeit der „U5“-Wagen mit den älteren des Typs „U4“. Von unterschiedlichen Herstellern abgesehen - Bombardier hier, Siemens dort - gehören die beiden Fahrzeugtypen einer unterschiedlichen Fahrzeuggeneration an und verfügen daher über unterschiedliche Technik. Das sich die Fahrzeuge untereinander „verstehen“ ist daher keine Selbstverständlichkeit und stellt Bombardier vor eine große Herausforderung. Daher war der modernisierte „U4“-Wagen 525 einige Monate in Bautzen und fuhr dort mit einem „U5-25“ über den 850 Meter langen Testring ungezählte Runden.

Wenn auch diese Hürden genommen sind, wird künftig auf der A-Strecke ein flexibler und gemeinsamer Einsatz mit „U4“- und „U5“-Wagen möglich sein. Die 37 „U4“-Wagen erhalten derzeit eine Generalüberholung. Pro Fahrzeug investiert die VGF hier 630.000 Euro. Die Fahrzeuge werden entkernt, komplett neu aufgebaut und die Innenausstattung an die „U5“-Wagen angepasst. Außerdem erhalten sie eine Videoüberwachung. Allerdings musste die VGF in Punkto Klimaanlage Abstriche wegen Wagenstatik machen. Die bis zu 1,5 Tonnen schweren Klimageräte hätten die dafür nicht vorgesehenen Dächer nicht ohne Risiko - insbesondere bei Unfällen - tragen können, weshalb nur die Fahrerkabinen mit kleineren Anlagen ausgestattet werden. Die ersten vier Fahrzeuge mit den Wagennummern 510, 524, 529 und 530 sind seit einiger Zeit modernisiert wieder im Linieneinsatz.

Erst A-Strecke, dann C-Strecke und später B-Strecke

Nicht ganz dem Alphabet und den Eröffnungsjahren folgt die VGF bei Verteilung der modernen Wagen auf die verschiedenen Strecken. Zunächst kommen auch die „U5-50“ wie die kurzen Geschwister auf den Stadtbahnlinien U1, U2, U3 und U8 (A-Strecke) zum Einsatz und werden im Betriebshof Heddernheim beheimatet. Sobald hier alle älteren Fahrzeuge des Typs „U2“ abgelöst sind, werden die ersten „U5“-Wagen im Betriebshof Ost beheimatet. Von hier kommen sie voraussichtlich ab dem Spätsommer auf Stadtbahnlinie U6 zum Einsatz. Hierfür wurden die Gleise in den unterirdischen Stationen - mit Ausnahme der Stationen Habsburgerallee und Ostbahnhof - sowie die oberirdische Station „Johanna-Tesch-Platz“ vom 10. Mai bis 7. Juni 2012 um sieben Zentimeter angehoben. Damit entsteht eine einheitliche Standard-Bahnsteighöhe von 80 Zentimeter, die einen nahezu barrierefreien Einstieg in die modernen Fahrzeuge ermöglichen. 2013 erfolgt dann die Anhebung der restlichen fünf Stationen nach Enkheim sowie den beiden Stationen „Große Nelkenstraße“ und „Hausen“. Außerdem beginnt die VGF in diesem Jahr mit dem Modernisierungsprogramm an den Stationen der Stadtbahnlinie U5. (tl)